Vorgestellt: Eine Frau, mit der sich die Begegnung lohnt
Maria aus Magdala
Den Namen Mirjam, im Lateinischen Maria, tragen mehrere Frauen im Neuen Testament. Um sie näher zu bestimmen, heißt es oft: Diese oder jene Maria sei die „Frau von“ oder die „Mutter von“. Eine Mirjam wird gekennzeichnet als Mirjam aus Migdal, im Lateinischen Magdala. Es fällt auf, dass sie nicht über ihren Mann oder Sohn, sondern über ihren (Herkunfts-)Ort charakterisiert wird. So lässt sich phantasieren: War sie nicht verheiratet und kinderlos? Migdal liegt am Westufer des Sees Gennesaret in Galiläa. Hier lebte man vom Fisch. War Mirjam als Single in dieser Branche tätig?
Die Erste unter den Jüngerinnen
In den Evangelien ist mehrfach von Frauen die Rede, die Jesus nachfolgen. Analog zu Listen mit Männernamen (z.B. zum Zwölferkreis, vgl. den Beitrag zum Stichwort „Apostel*in“ in diesem Newsletter) gibt es „Frauenlisten“. Wie bei den Männerlisten unterscheiden sich die Namen in den Frauenlisten. Aber es fällt auf, dass Maria aus Magdala regelmäßig an erster Stelle steht – analog zu Simon Petrus, der oft an erster Stelle der Männerlisten steht. Das kann nur bedeuten, dass sie die bedeutendste unter den Jüngerinnen Jesu war.
© Diözesanmuseum Freising, Foto: Walter Bayer.
Das Bild von Schmidt variiert die Darstellung des Johannesevangeliums (Joh 19,25): Dort sind außer dem "Jünger, den Jesus liebte" vier (!) Frauen unter dem Kreuz, unter ihnen seine Mutter und Maria von Magdala. Schmidt zeigt nur diese beiden in einer Dreiergruppe mit dem "Jünger, den Jesus liebte".
In allen Evangelien spielt sie eine herausragende Rolle bei der Hinrichtung Jesu und an Ostern. So ist sie im ältesten Evangelium, dem Markusevangelium, die Erstgenannte der Frauen, die von Weitem bei der Kreuzigung Jesu zusehen (Mk 15,40-41. Vgl. Mt 27,56; Lk 23,48; Joh 19,25) – während die männlichen Jünger geflohen sind. Die synoptischen Evangelien überliefern ihre Anwesenheit bei der Bestattung Jesu (Mk 15,47; Mt 27,61; Lk 23,55). Das bedeutet: Sie ist eine ganz wichtige Zeugin. Denn sie kennt den Ort, wo er begraben ist.
Alle vier Evangelien überliefern, dass sie am Ostermorgen zum Grab kommt. Nach Mk 16,9; Mt 28,9f und Joh 20,11-18 ist sie die Allererste bzw. gehört zu den Ersten (alles Frauen!), die die Osterbotschaft empfangen und einen Verkündigungsauftrag erhalten (Mt 28,7 durch einen Engel; Mt 28,10 und Joh 20,17 durch Jesus selber; der Verkündigungsauftrag in Mk 16,7 wird nicht erfüllt!). Zu ihrer Berufung durch den Auferstandenen im Johannesevangelium vgl. den Beitrag zum Stichwort „Apostel*in“ - und die Praxisanregung zur Bibelarbeit mit Joh 20!
In Lk 24 erlebt Maria von Magdala mit den übrigen Frauen das leere Grab und die Botschaft der Engel – OHNE Verkündigungsauftrag. Dies könnte mit dem Konzept der „limitierten Verkündigungsautorität“ im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte zusammenhängen – vgl. auch hier das Stichwort „Apostel*in“! Als die Frauen – auch ohne Verkündigungsauftrag - den Aposteln (!) von ihrer Ostererfahrung berichten, glauben die Männer den Frauen nicht (Lk 24,10f).
Von Jesus geheilt
Drei der vier Evangelien erwähnen Maria aus Magdala erst bei der Hinrichtung Jesu. Vorher spielt sie keine Rolle. Aber: Die o.g. Stelle bei Markus, die Maria als erste Zeugin der Kreuzigung nennt, erwähnt, dass sie und andere Frauen ihm schon in Galiläa folgten (Mk 15,41). D.h. Maria aus Magdala ist nicht erst in Jerusalem zu Jesus gestoßen, sondern schon lange seine Jüngerin und Weggefährtin. Das passt zu ihrem Herkunftsort Magdala.
Nur das Lukasevangelium erwähnt sie auch schon vor den Ereignissen in Jerusalem: Wir erfahren in Lk 8,1-3, dass Jesus von den Zwölf und mehreren Frauen begleitet wird, die sie mit ihrem Vermögen unterstützen. Unter den Frauen wird namentlich Maria aus Magdala genannt. Ihre Heilung von sieben Dämonen wird auf Jesus zurückgeführt. Dämonen sind für die Menschen zur Zeit des Neuen Testaments bedrohliche, lebensfeindliche Mächte. Wenn Maria unter sieben Dämonen zu leiden hatte, muss es ihr äußerst schlecht gegangen sein. Mehr wissen wir leider nicht. Im Gottesdienstvorschlag "7 Dämonen - 7 gute Geistesgaben" in diesem Materialnewsletter erfahren Sie von einer Möglichkeit, wie wir heute die "sieben Dämonen" interpretieren können.
Verschiedene Frauen verschmelzen zu Maria von Magdala
Das ist alles, was das Neue Testament zu Maria von Magdala hergibt. In unseren Köpfen sind noch weitere Bilder: Magdalena als Ehebrecherin, Magdalena als Prostituierte, Magdalena als Büßerin… Woher kommen diese Vorstellungen?
Wie gesagt: Das Neue Testament erzählt von mehreren Marias. Und von namenlosen Frauen, die Jesus begegnen. Und von Frauen, die – schon zu Lebzeiten – Jesus mit Öl salben, also das tun, wozu Maria von Magdala und andere Frauen am Ostermorgen zum Grab kommen.
Mit der Zeit verschmelzen verschiedene Frauen zu einer Gestalt, die jahrhundertelang überliefert, gemalt, nacherzählt wird … und für Maria von Magdala gehalten wird! Die tatsächliche Maria von Magdala (s.o.) ist die erste von ihnen.
- Frau Nr. 2: eine Sünderin
In Lk 7,36-50 erfahren wir von einer namenlosen Sünderin, die bei der Begegnung mit Jesus so ins Weinen kommt, dass seine Füße nass werden. Die trocknet sie mit ihren Haaren und salbt sie mit Öl, das sie in einem Alabastergefäß mitgebracht hat. Jesus stellt sie als Vorbild ins Zentrum und sagt ihr Vergebung ihrer Sünden zu. Welcher Art ihre Sünden waren, überliefert das Lukasevangelium nicht! - Frau Nr. 3: Maria, die Schwester Martas
Ebenfalls im Lukasevangelium begegnen wir den beiden Schwestern Marta und Maria, bei denen Jesus zu Gast ist (Lk 10,39-42). Maria nutzt die Gelegenheit und macht drinnen im Haus das, was sie als Frau draußen in der Öffentlichkeit nicht darf: Sie setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm zu. D.h. sie beginnt bei ihm, dem Rabbi, eine Ausbildung als seine Jüngerin. Jesus stellt sich hinter ihre kluge Entscheidung! - Frau Nr. 4: Maria von Betanien (wahrscheinlich identisch mit Frau Nr. 3)
Wohl dasselbe Schwesternpaar Marta und Maria begegnet uns im Johannesevangelium, das noch ein drittes Familienmitglied kennt: den Bruder Lazarus. Bei dessen Auferweckung durch Jesus spielt Marta eine zentrale Rolle (Joh 11,27). Ein Kapitel später erfahren wir, dass Maria die Füße Jesu mit kostbarem Nardenöl salbt (Joh 12,3). - Frau Nr. 5: eine Ehebrecherin
Pharisäer und Schriftgelehrte bringen eine Ehebrecherin zu Jesus. Sie sind gespannt, wie er reagiert. Jesus sagt den berühmten Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie!“ (Joh 8,7). Er schickt die Frau weg mit dem Auftrag, nicht mehr zu sündigen.
Und das ist noch nicht alles: Von einer Prostituierten oder Büßerin in der Wüste war bisher noch keine Rede. Eine sechste Frau kommt noch dazu. Sie stammt nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus der Überlieferung des sechsten und siebten Jahrhunderts: Maria von Ägypten. Doch vor der Reise in die Zeit 500 Jahre nach dem Neuen Testament schauen wir in die „Apokryphen“ aus dem zweiten Jahrhundert:
Maria von Magdala in den Apokryphen
„Apokryph“ bedeutet „verborgen“. Mit „Apokryphen“ werden Schriften bezeichnet, die nicht in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen wurden. Enthalten diese „verborgenen“ Schriften Geheimwissen, das für die Kirche gefährlich werden könnte? Vor allem zu Maria von Magdala existieren „Verschwörungstheorien“. Hatten Jesus und Maria eine sexuelle Beziehung, für die in der Bibel kein Platz war? Dan Browns Bestseller „Der Da-Vinci-Code - Sakrileg“ geht mit großer dichterischer Freiheit mit solchen Motiven um.
Eine apokryphe Schrift ist das sogenannte „Evangelium nach Maria [gemeint ist: von Magdala]“. Es entstand im zweiten Jahrhundert, ist also jünger als die neutestamentlichen Evangelien. In dieser Schrift erfahren wir von einem Konflikt zwischen Petrus und Maria. Maria soll die „Lieblingsjüngerin“ Jesu gewesen sein. War sie nur die Erste unter den Frauen – oder wurde sie von Jesus auch den männlichen Jüngern vorgezogen? Petrus regt sich im „Evangelium nach Maria“ darüber auf: Das kann nicht sein! Das „Evangelium nach Maria“ meint jedoch: Ja!
Im „Evangelium nach Maria“ erfahren wir wenig über einen Konflikt zwischen Petrus und Maria von Magdala im ersten Jahrhundert – wir erfahren mehr über einen Konflikt unter Christ*innen zur Entstehungszeit des Textes, nämlich im zweiten Jahrhundert. Damals scheint es verschiedene Gemeinden mit verschiedenen „Lieblingsjünger*innen“ gegeben zu haben. Das kennen wir auch schon aus dem Neuen Testament: Im Johannesevangelium ist ein geheimnisvoller namenloser „Jünger, den Jesus liebte“ von großer Bedeutung. Analog dazu scheint das „Evangelium nach Maria“ die Situation von Christ*innen widerzuspiegeln, für die das Zeugnis Marias von Magdala wichtiger war als das des Petrus. Ähnliches gilt übrigens für das ebenfalls apokryphe Thomas-Evangelium, in dem die Gestalt des Thomas zentral ist.
„Lieblingsjünger*innen“ haben also durchaus etwas mit dem Thema Konkurrenz zu tun – nicht jedoch mit leibhaftiger Sexualität. Denn viele apokryphen Schriften, auch das „Evangelium nach Maria“, sind gnostisch geprägt. D.h. sie gehören zu einer Bewegung, die großen Wert auf Askese und sexuelle Enthaltsamkeit legt. Die enge Beziehung, die hier von Jesus und Maria von Magdala erzählt wird, ist eine intellektuelle und spirituelle Angelegenheit. Ganz in diesem Sinne ist auch eine Notiz aus dem „Evangelium nach Philippus“ zu verstehen: Jesus habe Maria, seine Gefährtin, geküsst. Heute geht man davon aus: Ein solcher Kuss ist Symbol für die Weitergabe der wahren Lehre!
Praxistipp: Filmgespräch zum Spielfilm "Maria Magdalena" von Garth Davis (2018). Dieser Film ist in den meisten kirchlichen Medienstellen verfügbar. Er verarbeitet neutestamentliche und apokryphe Quellen zu Maria von Magdala.
Hier finden Sie Bausteine für einen Gottesdienst im Anschluss an die Arbeit mit dem Spielfilm!
Maria von Ägypten: Prostituierte und behaarte Büßerin
Maria von Ägypten ist eine legendarische Gestalt: eine Prostituierte aus der Großstadt Alexandrien im Nildelta. Sie schließt sich einer Gruppe von Wallfahrer*innen an und besteigt mit ihnen ein Schiff ins Heilige Land. Ihr Ziel ist das Kreuz in der Grabeskirche in Jerusalem. Dort angekommen, kann sie aus einem geheimnisvollen Grund die Kirche nicht betreten. Erst als sie vor einer Marienikone betet und gelobt, ihr Leben zu ändern, schafft sie es über die Schwelle. Anschließend geht sie zum Jordan, wäscht sich und bleibt als Eremitin und Büßerin in der Wüste. Viele Jahre später trifft sie dort am Osterfest zufällig der Mönch Zosimas. Er ist in der Wüste auf der Suche nach einem geistlichen Begleiter. Ihre Haut ist von der Sonne fast schwarz geworden. Sie trägt keine Kleider außer ihren Haaren, die ihren ganzen Körper bedecken. Erst allmählich versteht Zosimas, dass er es mit einem Menschen zu tun hat. Maria erzählt ihm ihre Geschichte. Die beiden verabreden: Beim nächsten Osterfest kommt Zosimas wieder und bringt ihr die Kommunion. Als Zosimas sie beim übernächsten Osterfest an derselben Stelle sucht, findet er nur noch ihren Leichnam. Auf dem Boden steht die Bitte, er möge sie begraben. Ein Löwe erscheint und hebt mit seinen Tatzen das Grab aus, in das Zosmias sie legt.
Diese Legende ist reich an Symbolen, die einen eigenen Beitrag lohnen würden. Da ist der sexuell ausgebeutete Leib Mariens, die in Jerusalem auf das Kreuz und den Gekreuzigten trifft. Da sind das Wasser des Jordan und die Wüste. Da geht es um eine wilde Frau, die Frieden findet, und einen zahmen Löwen, der ihr zu Diensten ist. Die Legende bewahrt außerdem die Erinnerung an die Tradition der Wüstenmütter. Zosimas, der ursprünglich in der Wüste einen (männlichen) geistlichen Begleiter suchte, findet in Maria eine geistliche Mutter.
Maria von Ägypten hat mit Maria von Magdala nichts zu tun. In den Ostkirchen ist die Erinnerung an sie als eigene Gestalt erhalten geblieben. Auch bei uns im Westen gibt es Spuren davon: Sie erscheint in Goethes Faust II; es existiert ein Gedicht von Rilke. Insgesamt jedoch verschmilzt auch sie mit Maria von Magdala zu ein und derselben Heiligen. Tilman Riemenschneider schnitzte seine Magdalena für den Münnerstädter Altar (1490-1492) mit langem Kopfhaar und lockigem Ganz-Körper-Fell von oben bis unten - die Werkstatt von Jan Polack malte sie ganz ähnlich.
Maria von Magdala kommt nach Frankreich
Der Dominikaner Jacobus de Voragine sammelte im dreizehnten Jahrhundert in der „Legenda aurea“ Heiligenlegenden. Sein Kapitel zu Maria von Magdala prägte unser Bild von ihr nachhaltig: Für ihn ist Magdalena identisch mit der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße salbt, und mit Maria, der Schwester von Marta und Lazarus.
Er gibt außerdem eine mittelalterliche Legende wieder, nach der fünf Anhänger*innen Jesu wegen ihres Glaubens in einem steuerlosen Schiff im Mittelmeer ausgesetzt wurden: die drei Geschwister Marta, Maria und Lazarus, deren Dienerin Martilla und der befreundete Maximinus. Das Schiff strandete auf wunderbare Weise im südfranzösischen Marseille. Von hier aus begannen die fünf ihre Missionstätigkeit. Ausdrücklich heißt es, dass Maria predigte. Sie hatten Erfolg, so dass Maximinus der erste Bischof von Aix und Lazarus der erste Bischof von Marseille wurde.
Maria von Magdala zog es in die Einsamkeit: Die letzten 30 Jahre ihres Lebens lebte sie als Eremitin in der Wildnis. Bis heute wird im Massif de la Sainte Baume die Höhle verehrt, in der sie gelebt haben soll. Jacobus erzählt, dass sie jeden Tag von Engeln in die Höhe erhoben und auf wunderbare Weise mit himmlischer Speise ernährt worden sei. Ein Priester suchte und fand sie in der Wildnis. Er erhielt auf wunderbare Weise Anweisungen für ihr Begräbnis. Hier greift Jacobus eindeutig Motive aus der Legende um Maria von Ägypten auf.
Er weiß auch, wo sie begraben liegt: in Vézelay. Die Kirche dort heißt bis heute „Sainte Marie Madeleine“. Ab dem frühen Mittelalter wurden dort Reliquien von Maria von Magdala verehrt. Vézelay war und ist eine bedeutende Station auf dem Weg nach Santiago. Im 13. Jahrhundert beanspruchte auch die Kirche „Sainte Marie Madeleine" in Saint Maximin la Sainte Baume (in der Nähe ihrer Höhle), ihr Begräbnisort zu sein. Auch in Paris, Pavia, Exeter und im Dom zu Halberstadt soll es Reliquien von Maria von Magdala geben.
Insgesamt lässt sich festhalten: Gerade weil das Neue Testament so wenig zu Maria von Magdala überliefert, entstanden vielfältige Legenden, die die Leerstellen ausschmücken.
Zum Weiterdenken und für Gespräche:
- Welche Vorstellung zu Maria Magdalena hat Sie bisher geprägt?
- Welche neuen Akzente haben Sie bei der Lektüre dieses Beitrags entdeckt?
- Welche davon sind für Sie selber von Bedeutung und warum?
- Worauf werden Sie zukünftig achten, wenn Sie Romane lesen oder Filme sehen, in denen Maria von Magdala eine Rolle spielt,
und wenn Sie in Kirchen und Museen auf Darstellungen von ihr stoßen?
Hildegard Gosebrink