Vorgestellt: Frauen, mit denen sich die Begegnung lohnt

Katharina und Hypatia von Alexandrien

Der 25. November

Am 25. November 1960 werden in der Dominikanischen Republik die Schwestern Mirabal zu Tode geprügelt. Sie haben im Untergrund den Sturz des Diktators Rafael Trujillo vorbereitet. Am 25. November 1981 begehen daher zum ersten Mal in Lateinamerika Aktivistinnen einen Gedenktag für die Opfer von Gewalt gegen Frauen. 1999 greifen die Vereinten Nationen diesen Aktions- und Gedenktag offiziell auf.

Seit 2011 ist der 25. November zugleich „Roses Revolution Day“: Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Betroffene Frauen legen Rosen vor Kliniken und Kreißsälen ab, in denen sie als Gebärende Formen von Gewalt erlitten haben, und machen ihre Erfahrungen öffentlich.

Seit rund 1500 Jahren gedenken Christ*innen (nicht nur römisch katholische, sondern auch aus den orthodoxen und orientalischen Kirchen) am 25. November der heiligen Katharina von Alexandrien – wahrscheinlich ist dieses Datum Zufall. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen: Ihre Legende strotzt nur so von Gewalterfahrungen.

Katharina von Alexandrien

Für unseren Kulturkreis ist die Überlieferung des Dominikaners Jacobus de Voragine in seiner berühmten Sammlung „Legenda aurea“ aus dem dreizehnten Jahrhundert prägend: Katharina soll eine Königstochter gewesen sein. Ihre Eltern Costus und Sabinella sind Heiden. In der damaligen Großstadt Alexandrien wird sie von einem Eremiten zum Christentum geführt. Als der römische Kaiser Christen zum Opfer für heidnische Götter auffordert und diese sich weigern, trifft sie das kaiserliche Todesurteil. Katharina wagt die Auseinandersetzung mit dem Kaiser und fragt ihn, warum er selber nicht Christ werden wolle.

Der Kaiser fühlt sich ihr im Gespräch intellektuell nicht gewachsen. Er lässt fünfzig heidnische Gelehrte mit Katharina über die Wahrheit des Christentums diskutieren. Die sind der Meinung: Um eine Jungfrau zu überzeugen, braucht es doch nicht fünfzig kluge Männer – ein einfacher Gesprächspartner würde völlig genügen! Doch Katharina bekehrt die fünfzig gelehrten Männer zum christlichen Glauben. Die landen auf dem Scheiterhaufen, Katharina im Gefängnis. Hier besucht sie Faustina, die Frau des Kaisers. Am Ende ihres Besuchs ist auch Faustina Christin. Auch sie trifft das Todesurteil ihres Mannes. Der Kaiser muss erleben, dass nicht nur sein oberster General, sondern fast sein ganzer Hofstaat den christlichen Glauben angenommen hat.

Katharina wird gefoltert; tagelang werden ihr Licht und Essen entzogen. Aber Engel versorgen ihre Wunden; und eine weiße Taube bringt ihr Nahrung. Auf Katharina warten vier Räder, gespickt mit Nägeln. Die sollen die Verurteilte zerreißen. Doch ein Engel zerstört das Hinrichtungsgerät. Nicht nur das: Auch viertausend Heiden werden beim Eingreifen des Engels getötet. Schließlich wird Katharina enthauptet. Engel tragen ihren Leichnam von Alexandrien in den südlichen Sinai. Daher heißt das Kloster dort ihr zu Ehren „Katharinenkloster“.

Vier Jungfrauen, drei Nothelferinnen und alte Bräuche

Schon lange gilt Katharina nicht als historische Figur. Da es keinerlei Belege für ihr Leben gibt, kommt es im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder zu Versuchen, sie aus dem Heiligenkalender zu streichen – für die römisch katholische Kirche zuletzt 1969. Wegen ihrer Beliebtheit wird Katharina 2002 aber wieder eingefügt.

Sie gehört zu den vier „virgines capitales“, den vier Hauptjungfrauen – zusammen mit Dorothea, Barbara und Margaretha. Drei von ihnen sind gleichzeitig Nothelferinnen:
Margaretha mit dem Wurm,
Barbara mit dem Turm,
Katharina mit dem Radl,
das sind die drei heiligen Madl.

Ihr Tag, der 25. November, ist mit vielen alten Bräuchen verbunden. Er ist eines der letzten Heiligenfeste vor dem Advent. Daher heißt es mancherorts „Kathrein stellt den Tanz ein“; denn der Advent ist analog zur Fastenzeit vor Ostern eine Fastenzeit vor Weihnachten. In vielen Orten gibt es vor dem Advent einen „Kathreinmarkt“.

Hypatia von Alexandrien

Wie konnte es zu den Überlieferungen rund um Katharina kommen? Wahrscheinlich sind die Legenden inspiriert von einer Frau, die im Unterschied zu Katharina tatsächlich gelebt hat – und die ebenfalls Opfer von Gewalt wurde: Hypatia von Alexandrien. Ihr Vater Theon lehrte in Alexandrien Mathematik und Astronomie. Seine Tochter tat es ihm gleich. Um 415 wurde sie ermordet. Die Hintergründe dafür sind komplex.

Alexandrien ist in der Spätantike eine multireligiöse Stadt mit christlichen, jüdischen und heidnischen Bürger*innen. Es gibt nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle und soziale Spannungen. Die Oberschicht pflegt einen griechischen Lebensstil; die Armen sind eher in den alten ägyptischen Traditionen verwurzelt. Das Christentum fasst vorrangig bei den Armen Fuß. Alexandrien ist zu Hypatias Zeit ein Vulkan, wo Konflikte schnell eskalieren.

Für die Vorgeschichte der Ermordung Hypatias ist das Jahr 391 wichtig: Das Serapeion, ein berühmter heidnischer Tempel, wird von Christen zerstört. Vorausgegangen sind gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Heiden und Christen mit Toten auf beiden Seiten. Aus dem Gebäude des Serapeions wird später eine Kirche. Dass es im Serapeion auch eine Bibliothek gegeben habe, wie der Spielfilm „Agora“ nahelegt, ist historisch nicht sicher. Oft wird die Zerstörung des Serapeions auf die Formel „Christen gegen Heiden“ gebracht – oft mit dem zusätzlichen Akzent: „christliche Bildungsfeindlichkeit gegen griechische Weltoffenheit“. Wahrscheinlich sind die Zusammenhänge komplexer.

Etliche heidnische Gelehrte verlassen nach der Zerstörung des Serapeions Alexandrien. Hypatia bleibt. Wir wissen nicht warum. Ist sie eine synkretistische Grenzgängerin wie ihr berühmter neuplatonischer Schüler Synesius von Kyrene, der später Bischof von Ptolemais wird und von dem Briefe an seine „Meisterin“ überliefert sind?

Knappe 25 Jahre später schürt Kyrill, der christliche Patriarch von Alexandrien, den Konflikt mit der jüdischen Gemeinde. Wieder kommt es zu Toten auf beiden Seiten und schließlich zu einem Pogrom an der jüdischen Gemeinde. Der Christ Orestes ist als Präfekt von Ägypten der oberste Verwaltungsbeamte und zuständig für die zivile Ordnung. Er weist den Patriarchen Kyrill in seine Schranken. Es kommt zum Machtkampf zwischen beiden christlichen Männern, der eine Repräsentant der Kirche, der andere der zivilen Verwaltung. Hypatia scheint in diesen Machtkampf hineingeraten zu sein. Hat sie sich eingemischt? Oder ist sie gar die Ratgeberin von Orestes? Ein christlicher Mob bemächtigt sich ihrer, zieht sie aus – und soll sie dann mit Scherben in einer Kirche „zerstückelt“ haben. Andere Überlieferungen wissen, dass sie nackt zu Tode geschleift wird. Umstritten ist, welche Rolle der Patriarch Kyrill dabei spielt. Ist er stillschweigend einverstanden? Ist Hypatias Ermordung geplant? Oder gerät der Konflikt außer Kontrolle?

Eine ideale Projektionsfläche

Leider ist kein einziges der Werke Hypatias überliefert. Wir wissen nur indirekt von ihr, etwa aus den Briefen des genannten Synesius. Der verstarb vor ihr und konnte nichts zu den Umständen ihres Todes sagen. Sokrates Scholastikos schrieb einige Jahre nach ihr im fernen Konstantinopel an einer Kirchengeschichte. Hier kommt er auch auf Alexandrien zu sprechen und überliefert Hypatias Ermordung. Die verurteilt er ausdrücklich. Überhaupt schreibt er mit großer Wertschätzung von Hypatia und ihrer Bildung. Welcher Religion sie angehörte, spielt für ihn, den christlichen Autor, keine Rolle. Sokrates‘ wenige Sätze gelten heute als die wichtigste Quelle zu Hypatia. Andere Überlieferungen entstanden erst mehrere Jahrhunderte nach ihrem Tod.

Zu Hypatia gibt es mehr, was wir nicht wissen, als was wir gesichert sagen können. Genau aus diesem Grund eignet sie sich ideal als Projektionsfläche: Männer gegen eine Frau, Christen gegen Heiden, Fanatismus gegen Bildung. Mindestens so spannend wie die Frage nach der historischen Hypatia ist der Blick in die Rezeptionsgeschichte: Wer verbreitet aufgrund welcher eigenen Perspektive welches Bild von ihr? Wer solidarisiert sich mit wem und gibt wem die Schuld?

Was 415 in Alexandrien geschah, passt nicht in ein einfaches Schwarz-weiß-Gemälde.

Katharina (ver)birgt Hypatia

Heute gilt als gesichert, dass die Katharinenlegende Teil der Rezeptionsgeschichte zu Hypatia ist. Von Hypatia hat Katharina ihre große Bildung; wie sie lebt sie jungfräulich ohne Mann; wie sie ist sie eine erfolgreiche Dozentin; wie sie erleidet sie ein blutiges Ende. In der Katharinenlegende bringt die Angst eines Mannes vor einer klugen Frau eine Gewaltlawine ins Rollen. Spielte das auch bei der Ermordung Hypatias eine Rolle? Bemerkenswert sind auch die vertauschten Rollen: Hypatia stirbt durch Christen, die Christin Katharina durch Heiden. Ebenso wie die vielen Toten auf beiden Seiten!

Es ist gut, wenn wir uns erinnern: Katharina (ver)birgt Hypatia. Hypatias Namen sollten wir nicht vergessen – auch das Auslöschen von Namen ist eine Form von Gewalt! Nicht vergessen sind auch die am 25. November zu Tode geprügelten Schwestern Mirabal: Patria, Minerva und Maria – sowie ihr Chauffeur Manolo Tavárez Justo. Und die vielen, deren Namen wir nicht kennen.

Tipp: Im Rahmen des Beitrags zum Spielfilm „Agora – Die Säulen des Himmels“ über das Schicksal Hypatias finden Sie in diesem Newsletter Impulse zum Weiterdenken und für Gespräche!

Hildegard Gosebrink