Drei Anregungen für die Bibelarbeit mit Joh 20,1-18
Joh 20,1-18 ist in jedem Lesejahr ein mögliches Evangelium für den Ostersonntag. Es enthält die Entdeckung Marias von Magdala, dass der Stein vor dem Grab fehlt (Vers 1-2), den Wettlauf zweier Jünger zum Grab (Vers 3-10) – und greift ab Vers 11 den Faden „Ostererfahrung und Berufung Marias von Magdala“ wieder auf.
Heute geht man davon aus, dass die Erzählung rund um Maria von Magdala die ältere ist und dass der Wettlauf der Jünger eingeschoben wurde.
Die erste Praxisanregung widmet sich dem Schwerpunkt Berufung Marias, die zweite dem berühmten „Halte mich nicht fest!“, die dritte dem Gesamttext inklusive Einschub vom Wettlauf der Jünger für „kirchenpolitisch geschärfte Ohren“.
1. Eine „Berufung für Fortgeschrittene“
Die Erzählung Joh 20,11-18 am Ende des Johannesevangeliums ist „gespickt“ mit Anklängen an den Anfang des Johannesevangeliums, nämlich an die Berufung der ersten Jünger in Joh 1,35-42 (warum im Johannesevangelium keine Rede von „Aposteln“ ist, vgl. das Stichwort „Apostel*in“ in diesem Materialnewsletter!).
Als Jesus vorbeigeht, sagt Johannes der Täufer zu zweien seiner Jünger: „Seht das Lamm Gottes!“ Darauf verlassen diese beiden Jünger Johannes und folgen Jesus nach. Jesus (!) dreht sich um und fragt sie „Was sucht ihr?“ Sie gehen mit Jesus und bleiben bei ihm. Sie vollziehen also eine „Kehrtwende“: weg von Johannes hin zu Jesus. Einer der beiden ist Andreas, der seinen Bruder Simon (später: Petrus) informiert: „Wir haben den Messias gefunden.“ Andreas führt Simon zu Jesus, so dass auch Simon ein Jünger Jesu wird.
In Joh 20 sind die Bewegungen und Formulierungen auffallend ähnlich konstruiert: Maria blickt ins Grab und wird von zwei Engeln angesprochen. Nun dreht Maria (!) sich um. Jesus stellt ihr dieselbe Frage: „Wen suchst du?“ Die zwei Jünger nennen Jesus „Rabbi“, Maria nennt ihn „Rabbuni“. Wie Andreas zu Simon geht, geht Maria zu den Jünger*innen und verkündet die Osterbotschaft. Wie Andreas Simon zu Jesus führt, führt Maria die anderen Jünger*innen zum Glauben an die Auferstehung.
Bei aller Ähnlichkeit gibt es aber auch Unterschiede; denn die Situation am Ostermorgen hat andere Vorzeichen. Jünger Jesu sein heißt „bei ihm bleiben“: in Joh 1,39 ganz leibhaftig da, wo er wohnt! Das kann die Jüngerin Maria von Magdala am Ostermorgen nicht. Sie steht vor der Herausforderung: Jüngerin sein und bei Jesus bleiben, auch wenn er weggeht zum Vater.
Das steckt hinter der Aufforderung Jesu „Halte mich nicht fest!“ Maria erlebt sozusagen eine Berufung für Fortgeschrittene: Jesus nicht festhalten UND bei ihm bleiben, aber ganz anders als VOR Ostern …
Die Situation der Leser*innen des Johannesevangeliums ist nicht die der ersten Jünger in Joh 1. Der irdische Jesus ist weg. Die Leser*innen des Johannesevangeliums können trotzdem Jünger*innen Jesu sein und „bei ihm bleiben“: so wie Maria von Magdala. Sie können Jesus loslassen, nicht an seinem Grab kleben, sondern sich umdrehen, offen für seinen Auftrag – und innerlich bei ihm bleiben, indem sie an ihn glauben!
Joh 1 und Joh 20 im Vergleich:
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Einleitung der Begegnung mit Jesus durch weitere Gestalt(en) |
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Joh 1,35-37: |
Joh 20,11-13: |
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Begegnung / Gespräch mit Jesus durch seine Initiative |
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Joh 1,38-40: |
Joh 20,14-17: |
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Konsequenz: Inhalt der Begegnung wird weitergegeben |
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Joh 1,41-42: |
Joh 20,18: |
Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Joh 1 und Joh 20 können mit einer Gruppe erarbeitet werden.
Vorbereiten: Zettel mit Ortsangaben und Rollen, Teilnehmer*innen für die verschiedenen Rollen finden
- für Joh 1:
3 Orte: Standort Johannes des Täufers, Wohnung Jesu, Treffpunkt Andreas mit Simon Petrus
5 Rollen: Johannes der Täufer, Andreas und ein anderer Jünger, Jesus, Simon Petrus - für Joh 20:
3 Orte: Grab, Standort Jesu, Ort der Verkündigung an die Jünger*innen
6 Rollen: 2 Engel, Maria aus Magdala, Jesus, (mindestens) 2 Jünger*innen
Orte und Bewegungen in Joh 1: Die drei Ortsangaben werden im Raum verteilt.
Joh 1,35-42 wird laut vorgelesen. Die 5 Rolleninhaber*innen bewegen sich so an und zwischen den Orten, wie es der Text vorgibt: Johannes und die zwei Jünger stehen zusammen am Ort Johannes des Täufers; Jesus geht vorbei; die beiden Jünger gehen Jesus nach und werden von ihm angesprochen; sie gehen dahin, wo Jesus wohnt; Andreas geht zu Simon Petrus und führt ihn zu Jesus.
Anschließend geschieht dasselbe mit Joh 20,11-18: Maria von Magdala steht am Grab, wo zwei Engel sind; sie dreht sich um und wird von Jesus angesprochen; Maria geht zu den Jünger*innen und verkündigt ihnen.
Anschließend Austausch in der Gruppe:
Zuerst werden diejenigen, die nicht mitgespielt haben, eingeladen, sich zu äußern, was sie gesehen haben – erst danach die Mitspieler*innen.
- Vielen sind beide Szenen bekannt – was haben Sie heute zum ersten Mal entdeckt?
- Welche Gemeinsamkeiten zwischen beiden Szenen fallen Ihnen auf?
- Welche Unterschiede?
Ausgehend von den Unterschieden, kann als Ziel des Plenumsgesprächs Marias „Berufung für Fortgeschrittene“ (nachösterlich, unter anderen Vorzeichen) angestrebt werden.
Hilfreich ist außerdem der Hinweis auf die – ebenfalls nachösterliche – Situation der Leser*innen des Johannesevangeliums.
Von hier aus ist die Verbindung zu heute möglich: Auch wir stehen vor der Herausforderung, Jesus nicht festzuhalten (indem wir z.B. genau zu wissen meinen, wie er sich für uns erfahrbar machen soll), uns immer wieder umzudrehen und Offenheit einzuüben für seinen Auftrag - und vor allem: im Glauben bei ihm zu bleiben!
Über die Themen „je eigene Berufung“ und „im Glauben bleiben“ bietet sich ein konkreter Austausch nicht im Plenum, sondern in Paaren an.
Den Abschluss im Plenum kann ein Segensritual mit der Bitte um „Kraft zum Loslassen und Bleiben“ bilden. Segensrituale finden Sie in der „liturgischen Fundgrube“ im Magdalenengottesdienst „7 Dämonen – 7 gute Geistesgaben“ und in den Elementen zum Gottesdienst zur Arbeit mit dem Spielfilm von Garth Davis.
2. „Halte mich nicht fest!“
Zur Begegnung Marias von Magdala mit Jesus am Ostermorgen gibt es viele Bilder – in Kirchen und Museen, aber vor allem auch innere. Lohnend ist ein Austausch zu den inneren Bildern – nach dem lauten Vorlesen von Joh 20,11-18 – z.B. anhand folgender Fragen:
- In welcher Landschaft sehe ich Maria und Jesus?
- Wie sind die Lichtverhältnisse?
- In welcher Körperhaltung sehe ich Jesus? Und Maria?
- Wie sind sie gekleidet?
- Wie nah / weit sind sie voneinander entfernt?
- Was verraten ihre Gesichter?
- Was ihre Hände?
- usw. ...
Ergänzend können nachträglich Bilder aus der Kunstgeschichte gezeigt werden. Auf den meisten Bildern kniet Maria, während Jesus steht.
Lohnend ist auch ein leibhaftiges Ausprobieren verschiedener Positionen:
- Wie klingt für Sie „Halte mich nicht fest!“, wenn Jesus und Maria beide stehen und dieser Satz auf Augenhöhe fällt?
- Wie, wenn Maria kniet?
- Wie, wenn der Abstand zwischen ihnen größer oder kleiner ist?
Hintergrundinfos zum „Halte mich nicht fest!“ finden Sie im ersten Praxisvorschlag. Es geht nicht um ein „Berührungsverbot“ – sondern um die Herausforderung nach Ostern: Jesus ist nicht mehr so da wie zu Lebzeiten, sondern ganz anders. Womöglich spielt die Formulierung auf das Hohelied an: Wenn da die Geliebte ihren Geliebten findet, packt sie ihn und lässt ihn nicht mehr los (Hld 3,4). An Ostern geht es für Maria darum, Jesus zu finden bzw. sich von ihm finden zu lassen, ihn loszulassen UND mit ihm in Verbindung zu bleiben (s.o.)
Ggf. helfen eigene Erfahrungen der Teilnehmer*innen mit Besuchen am Grab von lieben Menschen, diesem Parádoxon nachzuspüren: Der geliebte Mensch ist nicht im Grab; wir müssen nicht dort stehen und kleben bleiben; wir können ihn gehen lassen (analog zu Lazarus Joh 11,44), uns umdrehen ins Leben mit Offenheit für einen neuen Auftrag – UND mit ihm in Verbindung bleiben!
Wie im ersten Praxisvorschlag kann sich ein Austausch in Paaren über die Verbindung zu Jesus anschließen – und ein Segensritual für den je eigenen Auftrag im Alltag!
3. Joh 20,1-18 – „kirchenpolitisch“ gelesen
Die Teilnehmer*innen wählen, aus wessen Perspektive sie die Bibelstelle hören möchten:
- Maria von Magdala
- Simon Petrus
- Der Jünger, den Jesus liebte
Joh 20,1-18 wird laut vorgelesen – die drei Gruppen hören aus ihrer Perspektive mit geschärften Ohren für die folgenden drei Fragen zu:
- Wer ist der erste Mensch, dem der Auferstandene begegnet?
- Wer ist der erste Mensch, der in das leere Grab geht?
- Wer ist der erste Mensch, der an die Auferstehung glaubt?
Anschließend Austausch – der Blick in den Text lässt die genannten Fragen so beantworten:
- Maria von Magdala
- Simon Petrus
- Der Jünger, den Jesus liebte (Vers 8!)
Eine spielerische Diskussion kann sich anschließen: Anhänger*innen von Maria von Magdala, von Simon Petrus und vom Jünger, den Jesus liebte, debattieren darüber, was diejenige der drei Personen, auf die sie sich berufen, jeweils als Erste erlebt hat und was sie selber daher für sich in der Gemeinde an Vollmachten, Ämtern und Privilegien beanspruchen. Es darf gelacht werden!
Wie könnte(n) (ein) mögliche(r) Kompromiss(e) aussehen? Wer hätte was davon?
Input durch die Leitung:
Die ursprüngliche Erzählung ist die von Maria von Magdala. Der Wettlauf der Jünger wurde redaktionell eingeschoben. Nach dem Einschub ist nicht mehr Maria von Magdala die erste, die an Ostern glaubt, sondern der Jünger, den Jesus liebte. Seinen Namen kennen wir nicht. Er ist eine ganz wichtige Gestalt für die Leser*innen des Johannesevangeliums – wichtiger als Simon Petrus. Daher ist er VOR ihm am Grab und glaubt VOR ihm an die Auferstehung. Die Christ*innen, für die dieser Jünger wichtig war, wollten sich jedoch nicht isolieren von den christlichen Gemeinden, denen Simon Petrus wichtig war. Daher lässt der Jünger, den Jesus liebte, ihm den Vortritt – und geht NACH ihm ins Grab.
Joh 20,1-18 erzählt von Konkurrenz – und Strategie bzw. Diplomatie: Für die Leser*innen des Johannesevangeliums bleibt der Jünger, den Jesus liebte, in Glaubensfragen auf Platz 1. Das schließt nicht aus, dass sie auch eine gewisse Wertschätzung für Simon Petrus zeigen. Das ist wichtig gegenüber den Gemeinden, für die Simon Petrus auf Platz 1 steht (wahrscheinlich die Mehrheit!). Die ursprüngliche Erzählung von der Berufung Marias von Magdala bleibt erhalten – aber sie steht jetzt sozusagen auf Platz 3!
Das kann man bedauern - und bewundern. Denn insgesamt zeigt uns Joh 20,1-18 die Flexibilität der Christ*innen, die das Johannesevangelium überlieferten. Als sich die Zeiten änderten, überlieferten sie nach wie vor die Berufung Marias von Magdala am Ostermorgen. Aber weil es jetzt dran war, die eigene Identität zu wahren (Stichwort: "der Jünger, den Jesus liebte") UND den Anschluss an die anderen Gemeinden nicht zu verpassen (Stichwort: "Simon Petrus"), überlieferten sie den Ostermorgen mit einem Vorspann.
Es kann sich ein Austausch anschließen:
- Welche aktuellen (kirchenpolitischen) Herausforderungen und Diskussionen ploppen für Sie auf bzw. waren im Hintergrund präsent,
als Sie sich an der spielerischen Diskussion (s.o.) beteiligt bzw. zugehört haben? - Was könnten die Christ*innen aus der Gemeinde, in der das Johannesevangelium überliefert wurde
und denen die Gesamtkomposition von Joh 20,1-18 wichtig war, der Kirche und unseren Gemeinden heute raten? - Welche Bibelstellen fallen Ihnen spontan ein, die Sie selber gerne mit einem Vorspann oder Einschub versehen würden?
Mit welchem Ziel?
Übrigens: Joh 20,1-18 steht im Lektionar für den Ostersonntag als mögliches Evangelium auf Platz 2. Auf Platz 1 steht der Wettlauf der Jünger. Insofern gehört Maria von Magdala an vielen Ostersonntagen in vielen Gemeinden zu den vielen Frauen der Bibel, die in der Leseordnung nicht vorkommen (vgl. dazu die Buchbesprechung in diesem Materialnewsletter!).
Hildegard Gosebrink