Lesetipp
Unerhört!? Auf den Spuren biblischer Frauen.
Herausgegeben von Anne-Kathrin Eisenbarth-Goletz, Claudio Ettl, Johannes Löhlein.
Katholisches Bibelwerk 2025 (bibel einfach lesen).
ISBN 978-3-911227-89-6. 80 Seiten. 9,50 EUR.
Der Titel klingt nach Empörung: Unerhört! Es ist jedoch auch möglich, ihn wörtlich zu verstehen: Das Heft bringt bisher Unerhörtes zu Gehör! Gehörte und erhörte Worte schaffen Wirklichkeit (S. 2 und 6). Das gilt auch für weggelassene, ungehörte und unerhörte Worte. Unerhört – im Sinne der Empörung – ist, dass das letzte Konzil betont, es wolle den Tisch des Gotteswortes reicher bereiten und die Schatzkammer der Bibel weiter auftun (SC 51: S. 3). In der bis heute gültigen Leseordnung werden jedoch biblische Texte, in denen Frauen im Zentrum stehen, oft weggelassen. Ein Überblick über die sonntäglichen Lesungen offenbart, welche Frauen vorkommen – und welche fehlen (S. 4ff). Unerhört ist auch, dass häufig Kurzfassungen im Lektionar dafür sorgen, dass Frauen, die eigentlich im biblischen Text vorkommen, ausgelassen werden - so z.B. die Prophetin Hanna bei der Darstellung Jesu im Tempel (S. 5).
Die Autor*innen Ulrike Bechmann, Sabine Bieberstein, Klaus Bieberstein und Lea Strobel stellen 26 biblische Texte vor, in denen Frauen oder die für Frauen zentral sind: 12 aus dem Alten, 14 aus dem Neuen Testament. Die meisten Beiträge stammen aus der Feder von Sabine Bieberstein. Die 26 Texte zu Bibelstellen sollen „Türöffner“ sein (S. 7): Sie fassen zusammen, um wen und was es in der entsprechenden Bibelstelle geht, und geben Anstöße zu einem angemessenen Verständnis. Daher sind unter den 26 Beiträgen sowohl scheinbar „altbekannte“ Bibelstellen (wie Gen 2 und 3 oder die Frau aus Offb 12: S. 10-12 und 68-69), die durchaus in der Leseordnung vorkommen – als auch bisher „unerhörte“, die kaum bekannt sind (wie Tamar Gen 38,1-30: S. 17f).
Die Autor*innen stellen sich auch herausfordernden Bibelstellen, etwa der Heirat des Propheten Hosea mit der „unzüchtigen“ Gomer (Hos 1,2-2,25: S. 34ff). Diese prophetische Zeichenhandlung steht für das Verhältnis Gottes zu seinem Volk. Die Bibelstelle erzählt von männlicher Verfügungsgewalt gegenüber einer Frau, „verübt durch einen männlich gedachten Gott“ (S. 36). Es ist wichtig, solche Gottesbilder zu kritisieren und ihnen andere an die Seite zu stellen, damit sie nicht zur Legitimation göttlich-männlicher Macht missbraucht werden (ebd.).
Hilfreich sind auch Impulse zum Thema Ehebruch im Kontext der Bergpredigt (Mt 5,17-37: S. 38-41). Sabine Bieberstein charakterisiert die Aussagen Jesu als moralischen Appell, nicht als Rechtssatz (S. 40) - und zwar für Männer! Sie zeigt auf, dass in anderen neutestamentlichen Schriften das „strenge“ Jesuswort an verschiedene Lebenssituationen angepasst wurde, damit Menschen nicht daran zerbrechen (S. 40f).
Erhellend ist S. Biebersteins Streifzug durch alternative Lesarten zu den sogenannten „törichten“ und „klugen“ Jungfrauen (Mt 25,1-13: S. 42f), deren Klugheit durchaus in Frage gestellt werden kann.
Zu den herausfordernden Bibelstellen im Neuen Testament zählen die - nachpaulinischen - sogenannten „Haustafeln“, von denen eine (Kol 3,12-21) am Fest der Heiligen Familie vorgesehen ist. Hier werden Frauen zur Unterordnung unter Männer aufgefordert. S. Bieberstein skizziert Unterschiede zur paulinischen Überzeugung, dass die traditionellen gesellschaftlichen Verhältnisse ausgedient haben, und plädiert: „Solche Texte sollten im Gottesdienst niemals ohne Kommentierung gelesen werden – und auch nicht ohne die Stimme des Paulus selbst, der in der Taufe ein Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen sah“ (S. 67).
Am Ende des Heftes findet sich eine Gesamtübersicht der referierten Bibelstellen, ferner ob und wenn ja wo sie in der Leseordnung vorgesehen sind (S. 70f). Empfehlungen für die Praxis (Lesenacht, liturgische Verwendung, Workshop) schließen sich an (S. 72), gefolgt von Tipps zu Bibelübersetzungen (S. 73f) und hilfreichen Internet-Seiten (S. 74f).
Die 26 Beiträge sind in der Tat „Türöffner“ – d.h. sie laden ein, Räume zu betreten. Ein Beitrag umfasst in der Regel zwei Seiten. Auf ihnen ist häufig nicht viel mehr Platz als für eine Inhaltsangabe mit dem einen oder anderen Hinweis, wie dieser Inhalt (nicht) verstanden werden sollte. Wer einen Raum voll mit exegetischen Informationen sucht, wird durch die Veröffentlichung angestoßen, sich intensiver auf die Spuren biblischer Frauen zu begeben.
Das 80 Seiten umfassende Heft sei allen empfohlen, die sich knappe (Erst-)Infos zu Texten rund um biblische Frauen wünschen. Es trägt dazu bei, die Ohren zu schärfen für ein neues Hören – auf die Wirklichkeit biblischer Frauen und für eine geschlechtergerechte Wirklichkeit heute!
Hildegard Gosebrink