Das Stichwort: Was ist eigentlich ein*e Apostel*in?

„Apostel“ / „Apostelin“ heißt wörtlich „Gesandter“ / „Gesandte“, bzw. sogar „Ausgesandte*r“. Die Bezeichnung ist nicht „geschützt“; d.h. es gibt keinen Konsens, wer ein Apostel / eine Apostelin ist und wer nicht und warum. Und das schon im Neuen Testament! Dies soll ein exemplarischer Blick auf vier der 27 neutestamentlichen Schriften zeigen: auf Paulus, auf das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte - und schließlich das Johannesevangelium. Ihr Umgang mit dem Wort „Apostel*in“ könnte unterschiedlicher nicht sein!

Der "Apostel" Paulus und die "Apostelin" Junia

Paulus nennt sich in seinen Briefen immer wieder selber „Apostel“. Schließlich ist ihm der Auferstandene erschienen (1 Kor 9,1) – daraus leitet Paulus seine Berufung als „Gesandter“ ab, d.h. konkret: seinen Auftrag, Christus zu verkündigen. Vereinfacht gesagt, gilt für Paulus: Ostererscheinung plus Legitimation zu verkündigen macht zusammen einen Apostel oder eine Apostelin.

Der Apostelbegriff ist für Paulus nicht an eine Zahl gebunden. Mit dem Zwölferkreis hat er nichts zu tun. Paulus hält nicht nur sich selber für einen Apostel. Ihm verdanken wir sogar die Bezeichnung eines Paares als Apostel: Andronikus und Junia (Röm 16,7). Im griechischen Original steht der Name im Akkusativ, noch dazu ohne Akzent: „Junian“ – das lässt offen, ob es sich im Nominativ um einen Junias oder eine Junia handelt. Interessant: Viele Jahrhunderte lang ging man mehrheitlich von einer Junia aus – erst später konnte man sich keine Frau als Apostel*in vorstellen. Heute ist durch die Vornamenforschung klar: Grammatisch wäre zwar ein Junias denkbar, aber praktisch hat es einen solchen Männernamen in der Antike nicht gegeben. Daher ist jetzt auch in der revidierten Einheitsübersetzung (2016) von Junia die Rede. Die Wiederentdeckung der Apostelin Junia vor einem halben Jahrhundert verdanken wir übrigens der Forschungsarbeit einer exzellenten Bibelwissenschaftlerin: Bernadette Joan Brooten!

"Zwölf Apostel" – nur im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte!

Dass Jesus mit „den Zwölf“ unterwegs ist, überliefern mehrere Schriften im Neuen Testament. Die Zwölf repräsentieren die zwölf Stämme Israels und sind ein Zeichen der Reich-Gottes-Botschaft Jesu. Auch Paulus weiß von den Zwölf – aber die sind, s.o., für ihn nicht identisch mit den Apostel*innen. Wer namentlich zu den Zwölf gehört, dazu gibt es in den Evangelien unterschiedliche Listen – d.h. wieder: keinen Konsens!

Dass der Zwölferkreis um Jesus identisch ist mit den Aposteln, überliefert nur das Lukasevangelium (Lk 6,13). Im Lukasevangelium werden die zwölf Apostel von Jesus ausgesandt. Sie sind Zeugen seines Lebens und Wirkens, seines Todes und seiner Auferstehung. Nur sie sind bevollmächtigt, nach Ostern die wahre Lehre zu verkündigen. Ihre Zahl ist begrenzt: Es gibt (nur!) zwölf Apostel. Ein weiterer Kreis von Menschen, die Jesus aussendet, trägt im Lukasevangelium die Bezeichnung „Jünger“ (Lk 10,9).

Lukasevangelium und Apostelgeschichte gehen auf denselben Autor zurück. Die Apostelgeschichte überliefert: Da es nach dem Tod des Judas nur noch elf Apostel gibt, wird Matthias gewählt, um die Zwölfzahl wieder voll zu machen. Dabei erfahren wir auch, welche Kriterien jemand erfüllen muss, um wählbar zu sein. Laut Petrus muss er „einer von den Männern [sein], die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde“ (Apg 1,21f). Das ist eine völlig andere Vorstellung von einem Apostel als bei Paulus – dem ist zwar der Auferstandene begegnet, aber den irdischen Jesus hat er nie kennen gelernt!

So wundert es nicht, dass die Apostelgeschichte zwar vom Wirken des Paulus erzählt, aber bemüht ist, seine Verkündigung an die „Lehre der Apostel“ zu binden. Die Apostelgeschichte betont die Loyalität des Paulus gegenüber den zwölf Aposteln. Paulus selber, der seine Briefe einige Jahrzehnte vor dem Lukasevangelium und der Apostelgeschichte schreibt, meint: Seine Berufung zum Apostel geht auf Christus allein zurück – die Autorität eines Zwölfergremiums spielt hier keine Rolle!

Am Ende des ersten Jahrhunderts gibt es viele Wanderprediger*innen und Missionar*innen, die behaupten, die Botschaft Jesu zu verkünden. Doch teilweise widersprechen sich ihre Botschaften. Womöglich ist die Begrenzung des Apostelbegriffs auf den Zwölferkreis im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte eine Reaktion auf die Verwirrung, die in vielen Gemeinden geherrscht haben muss: Nur die Lehre, die auf die zwölf Apostel zurückgeht, ist authentisch! Nur auf sie kann man sich verlassen!

Das Johannesevangelium: kein Interesse an „Apostel*innen“

Das Johannesevangelium macht einen großen Bogen um das Wort „Apostel“. Auch das Johannesevangelium weiß von „den Zwölf“. Aber – ähnlich wie bei Markus – werden sie nicht als Apostel bezeichnet. Insgesamt spielt der Zwölferkreis keine zentrale Rolle – ganz anders als im Lukasevangelium. Stattdessen begegnet uns im Johannesevangelium ein anderes Wort: „Jünger“. Doch auch das ist völlig anders gemeint als im Lukasevangelium.

Mit diesem Wort meint das Johannesevangelium diejenigen, die zum Glauben an Jesus kommen. Das ist z.B. seine namenlose Mutter, die auf der Hochzeit zu Kana lernt, dass sie das Wirken ihres Sohnes nicht in der Hand hat – und dann sagt: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Sie bleibt ihm treu bis zu seiner Hinrichtung (Joh 19,25). Das ist z.B. der namenlose Blindgeborene, der durch Jesus nicht nur sehen lernt, sondern auch im Konfliktgespräch Rede und Antwort steht und schließlich seinen Glauben bekennt (Joh 9,38). Ein großartiges Glaubensbekenntnis legt auch Marta, die Schwester von Maria und Lazarus, ab: Sie bekennt Jesus als den Messias und traut ihm zu, dass aus Tod Leben wird (Joh 11,27).

Das Johannesevangelium erzählt nicht nur von Jünger*innen – es erzählt auch für Jünger*innen. Jünger*in ist ein offener Begriff – offen für die Gemeindemitglieder, die der Jesus-Überlieferung des Johannesevangeliums vertrauen. Jünger*in sein ist ein Lernweg: Man und frau wird nicht so schnell damit fertig. Die Adressat*innen des Johannesevangeliums können sich am Lernweg der Mutter Jesu oder des Blindgeborenen oder Martas orientieren und hier Kraft schöpfen für ihren eigenen Glaubensweg.

Dabei können sie sich an einer weiteren vorbildlichen Jüngerin festhalten: Maria von Magdala. Sie ist zusammen mit der Mutter Jesu eine der vier Frauen, die bei der Kreuzigung dabei sind (Joh 19,25). Sie ist die erste im Johannesevangelium, die dem Auferstandenen begegnet. Von ihm bekommt sie den Auftrag, den Brüdern (sind die Schwestern mitgemeint? In jedem Fall aus gutem Grund NICHT: den Aposteln!) die Osterbotschaft zu verkündigen (Joh 20,17f). Maria von Magdala steht damit für die Kontinuität von Tod und Auferstehung. Sie ist im Johannesevangelium Garantin für die Glaubwürdigkeit der Oster-Botschaft.

Weil sie all das verkörpert, was eine vorbildliche „Gesandte“ ausmacht, nannten die Kirchenväter sie „Apostelin der Apostel“. Das Johannesevangelium selber benutzt dieses Wort weder für sie noch für den Kreis, dem sie die Osterbotschaft verkündigen soll. Wenn wir jedoch an Paulus und seine Vorstellung denken, was eine*n Apostel*in ausmacht, erfüllt Maria von Magdala die paulinischen Kriterien: Ein*e Apostel*in kann eine Begegnung mit dem Auferstandenen plus Legitimation zur Verkündigung vorweisen - s.o.!

Womöglich ist die Vermeidung des Apostelbegriffs im Johannesevangelium kein Zufall: Die Gemeinden, in denen dieses Evangelium überliefert wurde, waren anders strukturiert als die, denen z.B. das Lukasevangelium wichtig war. Ämter und Gremien und andere äußere Autoritäten treten im Johannesevangelium zurück. Jünger*in sein ist im Johannesevangelium etwas Inneres!

Noch mehr Apostel*innen

Papst Franziskus erhob 2016 den Gedenktag der heiligen Maria von Magdala am 22. Juli in den Rang eines Apostel*innenfestes. Nicht mehr und nicht weniger. Manchmal ist zu lesen, er habe Maria von Magdala zur Apostelin ernannt. Das stimmt nicht. Weil schon im Neuen Testament keine Einigkeit herrscht, wer warum Apostel*in ist, kann und muss kein Papst jemanden zum Apostel oder zur Apostelin ernennen. Aber: Papst Franziskus hat mit der liturgischen Aufwertung des 22. Juli unseren Blick geweitet – und das ist gut so! Denn Apostel*innen sind schon im Neuen Testament vielfältig!

Das Wort „Apostel*in“ ist übrigens nicht auf die Bibel beschränkt. Bonifatius gilt als „Apostel der Deutschen“, Kilian, Totnan und Kolonat gelten als „Frankenapostel“. Alles Männer! Aber waren Sie schon einmal in Georgien? Georgien verdankt den christlichen Glauben einer Frau: Nino. Sie trägt den Ehrentitel „Erleuchterin Georgiens“. Ihr Gedenktag ist der 14. Januar. (Nicht nur) Der Heiligenkalender bietet noch viele Möglichkeiten, unsere Blicke zu weiten für eine wahrhaft "apostolische“ Kirche!

Zum Weiterdenken und für Gespräche:

  • Was hat Sie bei der Lektüre dieses Beitrags überrascht?
  • Mit welcher Vorstellung von Apostel*innen sind Sie selber groß geworden?
  • Welche Vorstellung von Apostel*innen begegnet Ihnen in der kirchlichen Verkündigung, z.B. im Katechismus, in Schulbüchern für den Religionsunterricht, in der Kommunion- und Firmkatechese, in Liedern aus dem Gotteslob und in liturgischen Gebeten (Orationen, Fürbitten), in Predigten?
  • Welche guten Gründe gibt es dafür? Wer hat etwas davon?
  • Wo könnte die Vielfalt der neutestamentlichen Vorstellungen zu „Apostel*innen“ und „Jünger*innen“ unsere Gemeinden bereichern?

Hildegard Gosebrink