Das Stichwort
„Gewaltig?!“
Zwischen Aggression und Kraft
Wenn man sich mit dem Wort Gewalt beschäftigt, kommen wohl bei den meisten Menschen zuerst negative Gefühle und Assoziationen auf. Gewalt als destruktive Kraft bricht sich in vielen Formen Bahn, macht Angst, zerstört und schafft Verzweiflung. Aggression, Wut, Zorn, verbale Gewalt bis hin zur Handgreiflichkeit belasten das Zusammenleben schwer, beginnend bei der Familie, aber auch im Berufsleben, in der nahen und weiteren Gesellschaft bis hin zur Ausbeutung der Schöpfung. Gewalt zerstört Vertrauen, Sicherheit, Lebendigkeit.
Spannend ist, dass dieses Wort vielfältigere Bedeutungen hat. Im Lateinischen gibt es sowohl den Begriff der violentia, der destruktiven Gewalt, als auch der potestas, die man als Macht und ordnende Gewalt verstehen kann.
Ohne solche Ordnung und Rechtssicherheit kommt keine Gemeinschaft aus. Deshalb sprechen wir von der staatlichen Gewalt, die idealerweise im Dienst der Menschen steht. Durch die Gewaltenteilung wird verhindert, dass die gesamte Machtfülle nur in eine Hand fällt und dann missbraucht werden kann. Unsere Institutionen beschäftigen Verwaltungen, damit sie funktionieren können und handlungsfähig sind.
Und auch über das Politische hinaus begegnet uns der Begriff „Walten“, wenn wir zum Beispiel sagen: in diesem Haus waltet ein guter Geist. In schwierigen Situationen lassen wir besser Vorsicht walten. Und wir sind froh, wenn uns ein anderer bei einem Fehler nicht verurteilt, sondern Gnade walten lässt. Als Jugendliche sehnen wir das Erwachsenendasein herbei, weil wir es mit der Erfahrung verbinden, selbstbestimmt schalten und walten zu können. Wenn uns ein Schicksal trifft, versuchen wir es zu bewältigen, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen. Und es gibt im Leben Erfahrungen, wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes, ein Naturerlebnis, eine überaus glückliche Fügung, eine spirituelle Erfahrung, die wir als gewaltig beschreiben, weil wir spüren, dass sie uns übersteigen und kaum zu fassen sind.
„Gutsein ist ein weit gewaltigeres und kühneres Abenteuer als eine Weltumsegelung“ (G.K.Chesterton). Gewalt ist also positiv gewendet eine starke Kraft im Menschen, eine Energiequelle, die uns ermächtigt, das Leben lebensfreundlich zu gestalten, in unserer Sprache, in unseren Gesten, in unserer Haltung und Einstellung. Diese Macht gibt uns die Power, uns für gute Ziele wie die Menschenwürde, die Barmherzigkeit, die Güte einzusetzen und zugleich Widerstand zu leisten gegen die Erniedrigung, Abwertung und Zerstörung der Geschöpfe unserer Mitwelt.
Elisabeth Thérèse Winter